Ein Abtauchen. Ein tiefes Luftholen für eine andere Welt. Vergessen, öffnen. Tief Luft holen für die Fantasie. Jeden Buchstaben, jedes Zeichen. Wie ein Nimmersatt, verschlingend jedes Wort. Gepackt von Sätzen, gefesselt von Seiten, die meine Sinne betäuben, mir den Atem rauben. Angezogen, wie hypnotisiert von den zahllosen Zeichen aus Druckerschwärze.
Meine andere Welt, mein Paradies der eilenden Zeit, der fliegenden Stunden. Ein Erlebnispool, ein Ozean, tief, unergründlich. Meine andere Welt, mal hell, mal finster; Licht, mal Schatten, süss, mal bitter. Hyperschnell vorüberfliegend, aber auch mal kriechend langsam. Erschreckend, oft unerwartet, unheimlich komisch oder einfach nur überraschend. Unerschöpflich, unfassbar, manchmal wie Sand durch die Hände gleitend. Mehr als eine Leidenschaft, mehr als ein Verlangen. Süchtig nach dem Spiel der Zeichen, dem Verfolgen von Zeilen.
Seite um Seite ein neues Spiel der Sinne, ein neuer Schluck Erfahrung, ein neuer Biss Wissen - Buch für Buch eine neue Seite vom Leben.
*Stephan Sigg ist Autor und sein aktuelles Buch heißt: LebensHalt"
Walter Hess
Die Legasthenie greift um sich
Eine
Schlüsselkompetenz ist in Gefahr
Glücklich
sind alle jene Zeitungen und Zeitschriften, die noch richtige
Leser haben. Das "Natürlich"
zählt sich mit bestem Grund
dazu und würde wohl, ginge es um die Qualität der Leser, eine Spitzenposition
einnehmen. Für uns ist das ein Glücksfall. Denn was sollten Journalisten tun,
wenn sie keine Leser mehr finden würden?
*
Das
gesprochene wie auch das geschriebene Wort wendet sich zuerst an den Verstand.
Es kommt nicht auf einzelne Buchstaben, sondern auf ganze Wörter und ihren Sinn
an, der sich manchmal erst aus dem Zusammenhang heraus ergibt. Die Wörter müssen
im Gehirn umgesetzt werden, bevor sie ihre Wirkung entfalten können. Das setzt
eine gewisse Vorbildung und eine intellektuelle Leistungsfähigkeit voraus. Die
Töne oder Buchstaben müssen entschlüsselt oder, in zeitgemässer Sprache ausgedrückt,
decodiert werden.
Erst in dieser umgesetzten Form kann das Gehirn Bilder erzeugen und gefühlsmässige
Reaktionen auslösen.
Zu
diesem Umwandlungsprozess sind nicht alle Menschen in gleicher Weise befähigt.
Eine mehr oder weniger ausgeprägte Lese-Rechtschreib-Schwäche,
die bei etwa 10% der Menschen vorhanden sein soll, bezeichnete man bis vor wenigen
Jahren als Legasthenie[1].
Heute ist der Begriff meistens durch Lese- und Rechtschreibstörung ersetzt. Als Ursachen werden eine mangelnde frühkindliche Förderung,
ein anregungsarmes Milieu, Konzentrationsschwäche usf. genannt. Die Menschen,
die davon betroffen sind, haben ihre Begabungen in anderen Bereichen und sind
also nicht einfach intelligenzmässig zurückgeblieben. Denn es käme ja auch niemandem
in den Sinn, Leute, deren Musikgehör und Stimme nicht so differenziert ausgebildet
ist wie jene der Heldentenöre Enrico Caruso, José Carreras, Placido Domingo
und Luciano Pavarotti als geistig minderbemittelt zu bezeichnen. Durch ein fachkundiges
Training können Lese- und Schreibstörungen zudem leichter behoben werden als
ein mangelndes Musikgehör und schüttere Stimmbänder.
Ein
Mitgefühl zu den Leseschwachen ist bei mir letzthin beim Studium von Fachbüchern
zur Rechtswissenschaft, zur Mathematik und zur Unternehmungsführung aufgetaucht.
Diese Werke waren in einem solch unverständlichen Fachkauderwelsch abgefasst,
dass ein allfällig vorhandener Sinn mit dem besten Willen nicht auszumachen
war. Die Autoren waren schreibschwache Fachidioten. Sie können nichts dafür,
sollten aber bloss keine Bücher veröffentlichen. Offenbar waren da keine Lektoren
alter Schule mehr am Werk, die noch eine gewisse Leserfreundlichkeit in die
Manuskripte brachten. Man muss bei solchen Gelegenheiten aufpassen, dass man
die Unzulänglichkeiten nicht bei sich selber sucht.
Daraus ist zu erkennen, dass man nicht alle Bücher lesen muss, was ohnehin unmöglich wäre, und nicht alle Bücher gleichwertig für das Individuum sind. Zwischen Buchdeckeln wird auch viel Hohles weitergegeben. Die Kunst besteht für jedermann darin, genau das herauszufiltern, was für einen besonders wertvoll und erbaulich ist. Hermann Hesse in "Die Welt im Buch" dazu: "Sowenig du den Baum oder die Blume, die du besonders liebst, aus einem Lehrbuch der Botanik kennengelernt hast, so wenig wirst du deine Lieblingsbücher aus einer Literaturgeschichte und aus einem theoretischen Studium kennenlernen. Wer sich nur erst angewöhnt hat, möglichst bei jeder Handlung des täglichen Lebens ihres eigentlichen Zweckes bewusst zu sein (und das ist die Grundlage aller Bildung), der wird sehr bald auch aufs Lesen, selbst wenn er vorerst nur Zeitungen und Zeitschriften ansieht, die wesentlichen Gesetze und Unterscheidungen anwenden lernen. Das in Büchern niedergelegte Denken und Wesen der Autoren aller Zeiten ist nichts Totes, sondern eine lebendige, durchaus organische Welt."
*
In
der Praxis wirkt sich die Leseschwäche allerdings wesentlich verhängnisvoller
als etwa ein unbeholfener Umgang mit Noten und Tönen aus. Eine der verbreitetsten,
vielseitigsten Variationen des Kultur-Praktizierens ist für die Legastheniker
verschlossen. Viele Informationen und geistige Lustbarkeiten sind ihnen unzugänglich.
Sogar ein einfaches Schulbuch verliert seine Aufgabe und Bedeutung, wenn das
Kind nicht verstehen kann, was es mit den darin versammelten Buchstaben eigentlich
auf sich hat. Früher erzeugten die entweder vorhandene oder nicht vorhandene
Fähigkeit des Lesens die sozialen Schichten. Der Philosoph Peter
Sloterdijk hat dasselbe in
seinem "Antwortschreiben zum Brief über den Humanismus"
wie folgt formuliert: "Die Schriftkultur selbst
hat bis zu der kürzlich durchgesetzten allgemeinen Alphabetisierung scharf selektive
Wirkungen gezeigt; sie hat ihre Wirtsgesellschaften tief zerklüftet und zwischen
den literaten und illiteraten Menschen einen Graben aufgeworfen, dessen Unüberbrückbarkeit
nahezu die Härte einer Spezies-Differenz erreichte."
Inzwischen haben Reformmassnahmen wie die allgemeine Schulpflicht das Lesen
und Schreiben mehr oder weniger zum Allgemeingut werden lassen.
Die
Fähigkeiten des Lesens und Schreibens haben fürwahr eine enorme Bedeutung für
das soziale Lebensumfeld; es sei nur an die Möglichkeit des Briefeschreibens
erinnert. Analphabeten sind in unserer multimedialen und technisierten Welt
chancenlos; wer demgegenüber "belesen" ist, hat noch immer ein höheres
Sozialprestige. Die heutigen Generationen sind Multi-Media-Nutzer; ausschliessliche
"Leser" und "Seher" sind die Ausnahme, aber es scheint eine
Verlagung in Richtung der "Seher" zu geben.
*
Eine
auf die individuellen Bedürfnisse und Vorlieben ausgerichtete Hausbibliothek
ist eine selbstverständliche Angelegenheit; wenigstens war es bisher so. Laut
Hesse ist
die eigene Bibliothek ein "unentbehrlicher und wichtiger
Teil zu jeder kultivierten Lebensführung."
Das gilt unverändert über alle Zeiten hinweg.
Die
hohe Bücherwand
wurde als ein zwangsläufig vorgegebener und undiskutabler Bestandteil jeder
Wohnraum-Einrichtig betrachtet; sie löste das altehrwürdige Stubenbuffet ab,
das nun in der Werkstatt zur Aufbewahrung von Schrauben und Bastlerleim dient,
und erinnert ein bisschen ans Spitzweg-Bild mit dem Leser auf der Leiter. Entzückend
schöne Rücken machten die Bücher zum prestigeträchtigen Zimmerschmuck, ob gelesen
oder nicht. Bücher haben einen unbeschreiblich wohltuenden Duft. Allerdings
wurden die Bücher in den vergangenen Jahrzehnten nach und nach regalweise weggeräumt
und in Brockenstuben verfrachtet, weil Platz für Plattenspieler und Schallplatten,
immer grössere Fernsehgeräte und Videorcorder sowie CD-Player und CDs geschaffen
werden musste.
Die
Kunst des Lesens, die "einer freundlichen Pflege
so würdig und so bedürftig wie jeder andere Zweig der Lebenskunst"
(Hesse) ist, scheint im Multi-Media-Rummel an den Rand gedrängt zu werden; nur
der Sachbücher-Absatz ist davon nicht betroffen. Das Lesen längerer Texte -
Unterhaltungslektüre, Romanen, Beschreibungen usf. - wird gerade von jungen
Leuten vernachlässigt und könnte zu einer neuen Form von Legasthenie und zudem
zu Schwierigkeiten, sich auszudrücken, führen. In Zukunft wird man vielleicht
vom Trend zum Zweitbuch sprechen, wie ein niedersächsischer Kultusminister einmal
witzelte...
Die
Pflege der Lesekultur lohnt sich, heute genauso wie gestern und morgen. Das
schöngeistige Buch hat seinen Stellenwert behalten. Der Münchner Schriftsteller
Wolfgang Koeppen (Eine unglückliche Liebe)
stellte in seinem Feuilleton Ein Beginn und schon
das Ende treffend fest:
Die folgenreichste und glücklichste Tat in meinem
Lebenslauf war, wenn ich rückblickend von ihr sprechen darf, die Übung des Lesens.
So öffnete sich mir früh schon neben der enttäuschenden realen Welt eine andere,
verheissungsvolle eine Über-, Unter-, Vorder- und Hinterwelt, eine unauslöschliche
Freude, ein Astralgebild, das zum archimedischen Punkt meiner Existenz wurde,
mich die Schöpfung menschenmöglich lieben und hassen liess, mich das Mysterium Zeit erkennen lehrte,
die ganze Tragödie.
Wie
gerippeartig sind dagegen stilisierte moderne Bildfortsetzungsgeschichten wie
die Comic strips (komische
Streifen) mit ihren wie Strichfiguren und Sprechblasen, und mögen sie noch so
liebenswürdig und psychologisch orientiert sein. Sie dienen der schnellen Unterhaltung.
Eine Lesekultur, die den Namen verdient, wird sich daraus aber nicht entwickeln
können, schon eher ein Fortgang der Infantilisierung der Gesellschaft. Für das
Lesen und Verstehen grösserer Werke braucht es Motivation, Zeit und Musse. Diese
fehlen heutzutage meistens.
*
Laut
Platon
wurde mit der Erfindung der Schrift eine Technik geschaffen, die das Gedächtnis
entlastete. Einst sind ganze Heldenlieder mit vielen tausend Versen mündlich
überliefert worden. Nach der Erfindung des Buchdrucks durch Johannes
Gensfleisch Gutenberg um 1445
war diese orale Tradion überflüssig. Die phänomenale Gedächtniskunst
wurde durch Bibliotheken und dann durch digitale Speichermedien ersetzt. Was
niedergeschrieben ist, muss man nicht mehr im Kopf behalten. Man kann nachschlagen
oder Suchprogramme einsetzen.
Und
das Wort machte seine Gewalt geltend: Martin Luthers Bibel-Neuschrift
und in Massen gedruckte Traktate lehrte die indoktrinierende Wirkung des geschriebenen
Wortes. Das Buch trat seinen Siegeszu an. Anfang der 70er Jahre wurde das sich
verbreitende Fernsehen
als "Fressfeind des Lesens"
erkannt, und Mashal McLuhan
schrieb vom Ende der Gutenberg-Galaxis.
Damit gehe eine Schlüsselkompetenz für den Umgang mit den Druckmedien (Bücher,
Zeitungen und Zeitschriften) verloren. Verlage müssten deshalb Lesekurse veranstalten
- im ureigensten Interesse und im jenen ihrer Kunden.
Das
scheint noch niemand in den Sinn gekommen zu sein. Die aktuelle Tragödie des
Abschieds vom Wort nimmt ihren Lauf: Die Lesekunst (laut Werbung des Buchhandels
Fernsehen im Kopf) verkommt
wie jedes Talent, das nicht laufend ausgeübt wird. Es braucht wenig, um aus
Alphabetisierten Neoanalphabeten zu machen; das ist nicht einfach Kulturpessimismus,
sondern Tatsache. Auch die visualisierte, von Unruhe erfüllte Umgebung wirkt
machtvoll in diese Richtung. Ob die derzeitige Vernetzungsrevolution namens
Internet die Schreib- und Lesefreuden wenigstens teilweise neu erwecken kann,
wird sich weisen. Auf einer tieferen Ebene ist das bei diesem flüchtigen, oberflächlichen
und schnellen Medium möglich. Man kann leicht E-Mails übermitteln und chatten
(auch in schriftlicher Form übers Netz plaudern). Und ironischerweise belebt
das Uralt-Medium Buch die digitale Form es Einkaufens gegenwärtig am stärksten[2].
*
Bilder
und Geschriebenes brauchen sich nicht feindlich zu sein. Sie können einander
hilfreich, ergänzend zur Seite stehen. Das hat Johann
Amos Comenius (1592-1670) erkannt.
Dieser Lehrer, Philosoph und Theologe führte das Sachbilderbuch
in die Schulen ein. Er war bestrebt, über die dinglich gewordene Welt den Zugang
zu Gott zu finden, aber auch die Jugend in die Kenntnis der Natur, der Gewerbe,
der Künste und des alltäglichen Lebens einzuführen. Lateinsprechen und -schreiben
war für ihn ein selbstverständliches Ziel des schulischen Unterrichts. Zu diesem
Zwecke verfasste er viele Lehrbücher und methodische Richtlinien. Sein "Orbis
Sensualium Pictus"[3]
war während 250 Jahren das
am meisten verwendete Schulbuch, das in vielen Latein- und Elementarschulen
vorgeschrieben war. Es darf als das erfolgreichste Lehrbuch überhaupt bezeichnet
werden. Darin wurde den Bildern die grösste Beachtung zuteil: Jedem Zeichen
des Alphabets ist das Bild eines Tieres zugeordnet, dessen charakteristische
Stimme die phonetische Entsprechung des betreffenden Lauts ist oder doch wenigstens
als Gedächtnisstütze für den Lernenden dient. Es folgen 150 Lektionen mit Bildern
aus der wirklichen Umgebung des Schülers. Jedes davon ist mit einer lateinischen
und muttersprachlichen Erläuterung versehen. Selbst die Darstellung abstrakter
Begriffe ist geistreich: die Ethik als mahnende Frau am Scheideweg, die Geduld
als demütige Beterin usw.
Mit
Hilfe der wirklichkeitsnahen Bilder, die Comenius
vermittelte, sollte ein Einblick in die Sache selbst und ins Ordnungsgefüge
der Welt gegeben werden. Vor allem sollten die Bilder beim Erlernen und Behalten
der Vokabeln und beim Erlernen einer Sprache eine Gedächtnisstütze sein. Sprache
und Wissen wurden gleichzeitig vermittelt. Die Idee dafür hatte Comenius von
Lubinus[4]
übernommen.
Im
"Orbis pictus"
hat Comenius nicht allein eine geniale Verbindung von Bild und Wort hergestellt,
sondern laut dem Münchner Fachdidaktiker Franz P. Waiblinger
"auch das Lateinische dem Deutschen so geschickt
gegenübergestellt, dass sich die einander entsprechenden Wörter bzw. Wortgruppen
ohne Schwierigkeiten erkennen lassen. Hier liegt der springende Punkt: Der Schüler
lernt das Neue weder in lernpsychologisch absurder Weise isoliert noch in ebenso
unfruchtbarer Art aus einem unverstandenen, undurchschauten, rätselhaften Zusammenhang,
sondern durch die Gegenüberstellung mit dem Deutschen. Er lernt, indem er vergleicht."
Diese erfolgreiche didaktische Methode ist bis in die Spätantike zurückzuverfolgen.
Die
Beurteilung des Bildergebrauchs im Unterricht durch die damaligen Pädagogen
fiel sehr unterschiedlich aus. Die einen sahen in ihnen nur einen optischen
Reiz, andere eine Auflockerung des Unterrichts. Die meisten werteten sie als
einen Ersatz für das "direkte Anschauen der Sachen
selbst". Diese direkte
Betrachtung (live
sagt man heute, selbst wenn die Anschauung von einem Medium vermittelt wird)
wäre in jedem Fall vorzuziehen. Das vordergründige Problem war der Streit um
den Primat von Wort und Sache ("res et verba"),
wenn man die Vielfalt in den Griff bekommen wollte.
*
Der
Bildergebrauch ist ein wichtiges Mittel, um das Gedächtnis zu unterstützen,
sogar auch dann, wenn mit den Mitteln des Wortes ein Bild gezeichnet wird: "Die
Verpackung eines Produktes muss Anreize geben, genau so
wie der Aufmacher eines Textes; wer das nicht beherzigt, kann zusammenpacken."
Da tauchen vor dem geistigen
Auge sofort gespeicherte Bilder wie ansprechende Verpackungen auf, und das Verstehen
einer Aussage wird erleichtert. Mit Bildern hat zum Beispiel auch die katholische
Kirche intensiv gearbeitet, von den Wandmalereien bis zu den an Kinder verteilten
Heiligenbildli. Und die Bibel lebt von einer bildhaften Beschreibung (Gleichnisse).
Bilder
sind heute mehr den je im Schwange. Sie erhalten allmählich dominierenden Charakter
und dienen nicht mehr bloss der Unterstützung. Die Bilderdominanz macht das
Lesen bald einmal überflüssig, selbst in den Druckmedien mit ihren überbordenden
Illustrationstendenzen, und sie führt Zwangsläufig in Richtung Neoanalphabetismus
und zu einer Fragmentierung der Sprache.
Der Wortschatz wird uns nicht angeboren, sondern jedes Wort muss man sich erwerben.
Die Wörter eignet man sich normalerweise im Kontext an: beim Lesen, Schreiben,
Zuhören. Bemühungen, Sprachkompetenzen an die Menschen zu vermitteln, wie damals
bei Comenius,
gibt es in dieser Intensität heute kaum noch, aber viele gegenläufige Einflüsse.
Es müssten an Schulen und auch nachher Kraftakte geleistet werden, damit sich
die Leute wenigstens in ihrer Muttersprache klar und logisch ausdrücken können
und diese alltäglichen Selbstverständlichkeiten nicht als Mühsal erlebt werden.
*
Das
farbige, schnell bewegte Bild, wie es uns aus dem Fernsehen
bald einmal tagein, tagaus
entgegenschreit, ist kaum mehr an Wörter gebunden. Es ist nicht im Zuschauer
entstanden, sondern wird ihm aufgedrängt - und damit auch die Bildwirkung. Zudem
lassen Fernsehstationen in Sekundenschnelle wechselnde Bildsequenzen bei ständigen
Kameraschwenks und -fahrten sowie Montagen und Rückblenden auf ihr bedauernswertes
Publikum los, ein unaufhörliches optisches Maschinengewehrfeuer, das im Werbebereich
meist in noch intensivierter Form fortgesetzt wird. Das Programm hat nichts
mehr mit dem gewöhnlichen Leben gemeinsam, sondern reduziert sich auf eine Spottlicht-Abfolge.
Die Fernsehschaffenden leiden nun einmal unter einer ständigen Angst, dass ihre
Zapper in einer halben Minute der Besinnung zu einem Sender wechseln können,
bei dem gerade mehr los ist - und sie vertreiben ihr Publikum mit ihren Kurzfristreizen
erst recht.
Beim
TV-Konsum reduziert überdies eine Art Bildschirm-Hypnose
die gedankliche Verarbeitung, steigert aber die Gefühlsreaktionen. Die Zuschauer
werden verletzt, beeinflusst, und irgendwann werden bei ihnen Abwehrmechanismen
aktiv. Viele Menschen haben von den Aufdringlichkeiten der isolierten Bilder
genug, wollen ihre Gedankengänge sowie Empfindungen selber auswählen können
und ziehen sich bei jeder Gelegenheit an einen ruhigen Ort zurück. Dort gelingt
ihnen endlich wieder, in Musse ihren eigenen Gedanken nachzuhängen, komplexe
Sachverhalte zu überdenken, optische und akustische Eindrücke in Übereinstimmung
zu bringen und zu eigenen Erkenntnissen zu gelangen.